Das große RWO-Interview mit Dennis Lichtenwimmer-Conversano
Platz vier, Platz zwei, und jetzt? Sportlicher Leiter Dennis Lichtenwimmer-Conversano spricht über die Kaderplanung für die Saison 2026/27: über Geduld statt Deadlines, den roten Faden hinter den Neuzugängen und die Frage, was die Mannschaft in dieser Saison leisten kann.
Dieses Interview erschien zuerst im RWO-Mitgliedermagazin „NULLVIER Inside“.
Dennis, wenn du auf die vergangenen Monate zurückblickst: Was war die größte Aufgabe, vor der du in diesem Sommer standest?
Es ist viel passiert. Wir haben in der letzten Saison bis zum Schluss oben mitgespielt und deshalb versucht, die Stammspieler frühzeitig einzutüten. Bei Verlängerungen gibt es aber immer mehrere Seiten der Medaille: Verein, Spieler, Berater. Einen von beiden kann man meist überzeugen, der zweite hinterfragt es dann und so ziehen sich die Dinge. Dazu stand lange nicht fest, in welcher Liga wir spielen. Und Deadlines zu setzen kannst du dir in der Regionalliga nicht erlauben: Daran wird sich in den meisten Fällen nicht gehalten.
Andere Vereine haben weit mehr Geld. Es ist ein Unterschied, ob die Lücke 600.000, 300.000 oder 100.000 Euro beträgt. Je geringer die Lücke, desto mehr kannst du durch gute Verhandlungen wettmachen. Die Riesenaufgabe war, bei einem Verein mit dieser Geschichte, diesen Fans und dem eigenen Anspruch einen Kader zu bauen, der trotz der wirtschaftlichen Voraussetzungen oben mitspielt. Der Druck ist immens, die Fehlertoleranz gering. Als die Vorbereitung mit einem einzigen externen Neuzugang begann, war das für mich vor den Fans beim Trainingsauftakt sehr unangenehm. Wir sind aber diesen Weg bis dahin gegangen, also wollte ich es dann auch komplett durchziehen. Ich arbeite seit sieben Jahren als Sportlicher Leiter und ich weiß: Das ist eine sehr gute Mannschaft. Ich bin extrem stolz darauf, wer da alles geholt wurde. Und das habe ich nicht allein gemacht, sondern im Team.
Durch diverse Neuverpflichtungen wurde der Kader auf einigen Positionen neu aufgestellt. Was war der rote Faden hinter diesen Verpflichtungen?
Es gab Learnings aus den Vorjahren. Wir wollen eine stabile Mannschaft mit Spielern, die auch in ekligen Spielen, tiefster Winter, Pokal beim klassentieferen Gegner, eine Präsenz ausstrahlen. Du brauchst Spieler, die konstant gute Leistungen auf dem Platz zeigen. Aus diesen Pools müssen wir diejenigen heraussuchen, die zur Spielidee passen und finanzierbar sind. Dann hilft es, dass beispielsweise Nils Winter und Kerem Yalcin den Verein kennen, dass Kerem Tim Böhmer kennt und diese beiden Travis de Jong kennen. Solche Verbindungen machen Gespräche leichter. Und wir haben gesagt: Wir holen erst die Stammspieler und dann die Perspektivspieler. So fehlt dir nicht der Euro, wenn plötzlich ein Stammspieler möglich wird. Das war der rote Faden.
Jeder Sommer bringt auch Abschiede mit sich. Wie gehst du damit um, wenn Leistungsträger den Verein verlassen?
Du verlierst fünf sehr wichtige Spieler, die alle auf Geld verzichtet haben. Vergleichst du das mit den Marktpreisen, bekommst du für das Geld dieser fünf vielleicht drei Spieler. Das erzeugt Druck, weil man sich ja verbessern möchte, statt sich zu verschlechtern. Auf der anderen Seite liegt darin immer eine Chance: Du kannst die Statik im Team verändern. Wir waren vielleicht etwas linkslastig, jetzt können wir beide Seiten ausgewogen besetzen. Und wie schließen wir die Lücken? Wie in den Jahren zuvor: einen langen Atem haben, geduldig sein, gute Vorarbeit leisten, die richtigen Zeitpunkte abwarten.
Nach welchen Kriterien entscheidest du, ob ein Spieler zu Oberhausen passt? Welche Rolle spielen Daten, welche das persönliche Gespräch?
Alle relevanten Spieler schauen wir uns dann selbst an. Am Ende steht das persönliche Gespräch mit dem Trainerteam und mir. Oft hast du einfach ein Gefühl: Passt das oder nicht?
Daten sind, ebenso wie das dazugehörige Live- und Videoscouting, unabdingbar, aber die Jungs müssen auch in die Kabine passen. Die Regionalliga West sehen wir selbst, da brauchen wir keine Daten. Es geht um die anderen Ligen: Wir haben Positionsprofile festgelegt und filtern über aktuelle Leistungsdaten, wer grundsätzlich besser oder schlechter passen könnte. Alle relevanten Spieler schauen wir uns dann selbst an. Am Ende steht das persönliche Gespräch mit dem Trainerteam und mir. Oft hast du einfach ein Gefühl: Passt das oder nicht? Und hier können Kleinigkeiten zwischen zwei, drei Kandidaten das Zünglein an der Waage sein
Rund um die Kaderplanung gab es zwischenzeitlich auch Kritik. Wie sehr lässt du das an dich heran?
Ich lasse es nicht mehr so stark an mich heran. Dieser Prozess hat aber auch 15 bis 16 Monate gedauert. Wenn du von etwas überzeugt bist und es funktioniert nicht, was willst du dir vorwerfen? Fußball ist relativ einfach: Gewinnst du, wirst du gefeiert. Gewinnst du nicht, ist alles schlecht. Das muss man akzeptieren und wir haben uns den Job ausgesucht. Was ich jedoch nicht akzeptiere: Fußball ist kein rechtsfreier Raum. Ich bin 36 Jahre alt, ich komme damit besser klar als ein Spieler, der 20 ist und auf Social Media mitliest. Hier erwarte ich also Empathie und konstruktive Kritik. Das ist mir ein sehr wichtiges Anliegen und bringt uns am Ende alle nach vorne.
Wie eng ist die Abstimmung mit dem Trainerteam und wer gibt am Ende den Ausschlag?
Ich vertraue dem Trainerteam sehr und beziehe alle in die Kaderplanung ein, teilweise auch unsere Spieler. Die finale Entscheidung treffe ich. Dafür hat das Trainerteam die komplette Freiheit bei Aufstellung und Spieltagskader, da rede ich nicht rein. Mein Job ist es nicht, eine Mannschaft aufzustellen, sondern dem Trainerteam die bestmögliche Mannschaft zusammenzustellen, die zur gemeinsamen Spielidee passt. Bei mindestens 90 Prozent des Kaders sind wir uns absolut einig. Beim Rest überzeugt Sebastian am Ende mich oder ich ihn. Und wenn einer von uns null Prozent überzeugt ist, wird es nicht gemacht.
Wenn du den Kader betrachtest: Was traust du dieser Mannschaft zu?
Wir sind ambitioniert und wir können jedes Team schlagen. Wenn alles so läuft, wie es geplant ist, können wir bis zum Ende oben mitspielen
Jeder von uns ist ambitioniert und wir suchen eben genau nach diesen Spielern: solchen, die den nächsten Schritt gehen wollen. Das haben wir immer gesagt. Elf Spieler im jetzigen Kader sind U23. Letzte Saison standen konstant fünf bis sechs U-Spieler in der Startelf. Bei unseren Zielen und als eine erste Mannschaft ist das außergewöhnlich. Unser Weg ist durch die Voraussetzungen nicht auf kurzfristigen Erfolg ausgelegt, aber auf nachhaltigen. Ich kann nachvollziehen, dass man mehr will und das so schnell wie möglich. Da sind wir uns auch einig. Auch unsere Führungsspieler leben das vor und ich habe das Gefühl, dass wir so weit sind, mutiger und offensiver aufzutreten. Das mache ich, indem ich sage: Wir sind ambitioniert und wir können jedes Team schlagen. Wenn alles so läuft, wie es geplant ist, können wir bis zum Ende oben mitspielen.
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